Bindet ihn los und lasst ihn gehen!

Johannes 11,44

 

 


Eine „Heilsbotschaft“, die Unheil bringt –

von der Notwendigkeit, einen blinden Spiegel zu zertrümmern

 

Wahrscheinlich im Jahre 30 n. Chr. wurde über Jesus in Jerusalem die Todesstrafe verhängt. Er war Bauhandwerker wie sein Vater, ein frommer Jude, der als Wanderprediger vor allem die einfachen Menschen ansprach und ein befreiendes Bild von einem liebenden Gott verkündigte. Die religiösen Autoritäten, die er immer wieder kritisierte, klagten ihn bei der römischen Besatzungsmacht an und der Prokurator Pontius Pilatus verurteilte ihn zur Kreuzigung. Ein historischer Mensch, von dem wir wenig wissen, aber das Wenige kann auch uns Menschen von heute zu einem befreienden Gottesbild und menschenfreundlichem Handeln ermutigen.

 

Tausendfach wurde und wird aus der Botschaft dieses Menschen ein Mythos aufgebaut und verkündigt, der Menschen kleinhält, ein Mythos von Jesu Tod als Opfer, von seinem Sterben für unsere Sünden. Durch Mythen wurden von jeher Machtstrukturen gerechtfertigt und zementiert und mit diesem Mythos vom Opfertod Jesu ist es nicht anders. Er bildet den Grundstein eines Lehrgebäudes von Strafe und Belohnung, in dem das Glauben von Menschen bewertet wird als richtig und falsch.

 

Dieses Lehrgebäude ist für mich wie ein blinder Spiegel, in dem ich mich selbst nicht sehen kann, weil mir die Sicht verstellt ist von so genannten „Glaubenslehren“, in denen ich in meiner Wirklichkeit, mit meiner inneren Erfahrung nicht vorkomme. Was bleibt, ist ein Blick auf den Menschen, der geprägt ist von Macht, der verletzt und kein Wachstum ermöglicht.

 

Den blinden Spiegel will ich zertrümmern, um Platz zu schaffen. Platz für ein Glauben, nicht für einen Glauben; ein Glauben, das wie ein Spiegel ist, in dem ich mich selbst sehen kann als Person,

 

die sich verändert und entwickelt und deshalb in ihrem Glauben, Welt- und Gottesbild nie stehen bleiben kann,

 

die frei ist, weil es zu ihrem Wesen als Mensch gehört und nicht, weil sie durch eine Todesstrafe vor 2000 Jahren erlöst wurde,

 

die denken, fragen und zweifeln kann und diese Fähigkeiten zu ihrem Wohl und zum Wohl anderer nutzen kann, ohne dass jemand ihr vorschreiben kann, was gut für sie ist,

 

die (mit)fühlend ist und deshalb weiß, dass ihr Glauben eine Herzenssache ist, keine systematische Lehre,

 

die kreativ im Sinne von selbst schöpferisch ist und deshalb  immer wieder neue Bilder entwerfen und Wege gehen kann.

 

Den blinden Spiegel will ich zertrümmern, immer wieder; aber einige Scherben will ich behalten, weil sie zu mir, zu meinem Weg gehören, darauf achten will ich, sie so aufzubewahren, dass ich mich daran nicht verletze.

 

Den blinden Spiegel zertrümmern und so Platz schaffen für einen neuen, in dem ich mich selbst sehe – vielleicht hat das etwas mit dem zu tun, was manche Menschen „Auferstehung“ nennen.

 

Birgit Boukes

 


Café Spiritualität

Erdfest 2018