Café Spiritualität

 

 

 

 

 

Verwobene Erfahrung

 

In ihrem Roman „Mirjam“ lässt Luise Rinser Maria Magdalena, aramäisch Mirjam genannt, von ihren Erfahrungen als Jüngerin Jesu erzählen:

 

Da sah ich im Olivenhain, in dem das Grab lag, zwischen den Bäumen einen Mann. Schulamit floh. Aber der Mann war kein Soldat. Ein Waffenloser jedenfalls. Er kam näher. Ich dachte: wenn ich ihm Geld gebe, wird er mir helfen, den Stein wegzurollen. Als er noch etwas näher kam, hielt ich ihn für einen Arbeiter, einen Gärtner. Doch zu so früher Stunde? Ich wurde unsicher. Hatte ich Angst? Mein Herz schlug heftig. Der Mann kam noch näher. „Mirjam!“ Das war seine Stimme. Da erkannte ich ihn. „Rabbi!“ Ich fiel ihm zu Füßen und lachte und weinte in einem und war außer mir vor Freude.

Aber als ich seine Knie umfassen wollte, wich er zurück. „Nicht so, Mirjam, so nicht mehr und noch nicht. Bleib stehen, wo du stehst.“

 

 

Mirjam erzählt ihre persönliche Erfahrung. Auch wenn jede menschliche Erfahrung in einem Text in ihrer Tiefe nie ganz erfasst werden kann, wird durch das Medium Text ausgedrückt, was sich in uns verbindet und was uns untereinander verbindet.

 

Das Wort Text lässt sich nämlich in seiner ursprünglichen Bedeutung mit Gewebe übersetzen, heute noch sichtbar im Begriff Textil. Aus tausenden Fäden ergibt sich ein Ganzes, entstehen neue Zusammenhänge, Verbindungen.

 

Was sie zurzeit als Verbindung erfahren, haben einige im unergründlichen Wort-schatz im Forum des Unergründlich e.V. mitgeteilt.

 

Diese Erfahrungen mit den Facetten, die die verschiedenen Menschen im Forum beschreiben, lassen sich auch in Mirjams Erzählung entdecken und greifen. http://unergruendlich.org/forum.html

 

Aufbruch – Nach der schmerzhaften Verlusterfahrung macht Mirjam sich auf zum Grab, geht Wege, die sie bis dahin nicht gehen musste.

 

Besinnung – Ungewollt ist Mirjam in eine ganz neue Situation geworfen, muss neu schauen, was wichtig ist. Auch nach der Begegnung ist die Besinnung auf das, was jetzt wertvoll ist, not- wendig.

 

Vertrauen – Trotz ihrer Angst geht Mirjam näher, lässt sich auf die Begegnung ein. Es ist eine ganz persönliche, ruhige Begegnung.

 

Jeder Lärm, der kommentiert, bewertet und Angst machen will, hat hier keinen Platz.

 

Verdichtung -  Die Begegnung der beiden ist kurz, aber von einer ungeheuren Intensität, sie verändert und die Zukunft kann in neu erdichteten Farben blühen.

 

globalisiert Menschlichkeit – Mirjam hat einen langen Weg vor sich, auf dem sie anderen begegnen wird. Ihre Schritte, die Strecken, die sie mit anderen teilt, werden die Welt ein Stück verändern.

 

Nachdenklichkeit – Die Aufforderung „Bleib stehen, wo du stehst“ ist kein Ausdruck von Starre, sondern Ausdruck der Notwendigkeit, in der Veränderung nachzudenken und nachzufühlen, was jetzt gebraucht wird.

 

Zuversicht – Die Begegnung vergeht, ist nicht greifbar, noch nicht.  Und doch schwingt in der Begegnung mit: Es wird Ostern werden.

 

 

Für jede_n sind diese Erfahrungen anders greifbar, unterschiedlich spürbar. So lädt der Text ein, ihn persönlich anzupacken:

Wie bei einem Stück Stoff in unserer Hand können wir spüren, wo der Text uns wohlig umhüllt, wärmt und wo er rau ist und kratzt.

Wir können Verbindungen fühlen, Knoten, aber auch Durchlässigkeit, Zwischen-Räume für uns.

Wenn wir immer dieselbe Stelle anfassen, wird der Text abgegriffen, manches ist vielleicht schon verschlissen oder geflickt, nicht mehr ursprünglich.

Der Text lässt sich von verschiedenen Seiten greifen. Wenn wir ihn ganz persönlich be-greifen, werden wir ihn verändern: Manche_r wird im individuellen Verständnis den Text neu zuschneiden oder zerreißen; durch unsere je eigene Wahrnehmung färben wir den Text neu ein, wird er bunt.

 

So werden weiter Erfahrungen verwoben und ich wünsche allen von Herzen, dass es Erfahrungen sind, über die wir staunen können, die vom Leben erzählen, österliche Erfahrungen.

 

Birgit Boukes

 

 

 

 

Erdfest 2018