Café Spiritualität

 

 

Stärke und Schwäche

 

 

Doch Jakob blieb zurück, für sich allein. Da rang jemand mit ihm, bis die Morgenröte aufkam. Da sah er, dass er ihn nicht überwinden konnte, und berührte sein Hüftgelenk, so dass das Hüftgelenk Jakobs verrenkt wurde, als er mit ihm rang. Da sagte er: »Lass mich los, denn die Morgenröte kommt auf.« Und der sagte: »Ich lass dich nicht los, nur wenn du mich segnest.« Er sagte zu ihm: »Wie ist dein Name?« Und der: »Jakob.« Da sagte er: »Jakob soll dein Name nicht mehr sein, sondern Israel, Gottesstreiter, denn gekämpft hast du mit Gott und mit Menschen und hast es gekonnt.« Da bat Jakob seinerseits und sagte: »Sag mir doch deinen Namen!« Und der sagte: »Wieso fragst du nach meinem Namen?« Und er segnete ihn dort.

 

                                                                                                                          Genesis 32, 25-30

 

 

 

 

Wie ist das klein, womit wir ringen,
was mit uns ringt, wie ist das groß;
ließen wir, ähnlicher den Dingen,
uns so vom großen Sturm bezwingen, -
wir würden weit und namenlos.

Was wir besiegen, ist das Kleine,
und der Erfolg selbst macht uns klein.
Das Ewige und Ungemeine
will nicht von uns gebogen sein.
Das ist der Engel, der den Ringern
des Alten Testaments erschien:
wenn seiner Widersacher Sehnen
im Kampfe sich metallen dehnen,
fühlt er sie unter seinen Fingern
wie Saiten tiefer Melodien.

Wen dieser Engel überwand,
welcher so oft auf Kampf verzichtet,
der geht gerecht und aufgerichtet
und groß aus jener harten Hand,
die sich, wie formend, an ihn schmiegte.
Die Siege laden ihn nicht ein.
Sein Wachstum ist: der Tiefbesiegte
von immer Größerem zu sein.                                                      R. M. Rilke

 

 

 

 

 

Im letzten Gottesdienst und im Workshop „Stärke und Schwäche“ haben wir uns mit unserem Leben und Ringen konfrontiert. Die beiden Texte möchten wir mit Euch teilen.

 

Es gibt im Leben äußere und innere Kämpfe, mit Menschen und mit Gott. Alle wollen gelebt werden. Wie gehen wir mit ihnen um? Die erste Reaktion bei mir ist meist Abwehr. Das will ich jetzt nicht. Das auch noch! Dazu habe ich keine Kraft.

 

 

In den Gesprächen wurde uns deutlich, dass wir diese Zeiten nicht vermeiden können und wir haben uns erzählt, wie wir ihnen alternativ begegnen können.

 

Könnte eine innere Auseinandersetzung, wie sie Jakob erlebte, zum Segen werden, auch mit seelisch hinkender Hüfte? Könnte das Ringen ein Ringen mit mir selber sein? Mit dem mir Zugemuteten? Mit Gott? Sind manche, die ich als Gegner einschätze, vielleicht sogar Engel?

 

 

Die Zeit bis Ostern kann mich möglicherweise aufmerksamer machen auf meine Auseinandersetzungen und wie ich mit ihnen umgehe. Vielleicht probiere ich einmal etwas anderes? Ich faste mit meinen eingefahrenen Reaktionen. Suche bewusst Alternativen.

 

Vielleicht könnte ein solches Ringen, auch mit dem Gefühl tief besiegt zu werden, dann sogar Wachstum sein.

 

 

 

                                                                                                                                                     

Norbert Reicherts

 

Erdfest 2018