Café Spiritualität

 

 

Liebe Freundinnen und Freunde,

 

im Advent begegnet uns vielfach das Symbol der Türen, die sich öffnen, in Gebeten, Liedern, im Brauch des Adventskalenders. Auch wir wollen im Advent Türen öffnen, indem wir mit einer neuen Form der Lebensfeier Gottesdienst unter den Bedingungen, mit denen wir zurzeit umgehen müssen, möglich machen.

 

Herzlich laden wir zum Gottesdienst im Advent ein:

„Lenk deinen Schritt engelwärts“,

diesmal als Rundgang im Garten und persönlicher Besinnung in der Kapelle ohne festen zeitlichen Beginn, so haben wir genügend Abstand und Frischluft.

 

Bitte bringt möglichst eine Taschenlampe mit.

Etwas zu essen gibt es nicht, aber etwas Warmes zu trinken.

 

Sonntag, 6. Dezember 2020,  zwischen 17 und 19 Uhr

Wir bitten um Anmeldung möglichst mit Angabe der voraussichtlichen Ankunftszeit per Mail an

unergruendlich.ev@web.de

 

 

Zum Vormerken:

 

Heiligabend, 24.Dezember 2020 zwischen 16 und 18 Uhr

Christmette als Rundgang im Garten und persönlicher Andacht in der Kapelle

 

Silvester, 31. Dezember 2020 zwischen 17 und 19 Uhr

Jahresdankfeier als Rundgang im Garten und persönlicher Andacht in der Kapelle

 

 

Projekt-Eröffnung "Spiritual Care" am 12. Oktober 2020

 

Wie wir hier schon berichtet haben, öffneten sich in diesem Jahr auch für unseren Verein neue Türen mit unserem Projekt der konfessions-unabhängigen spirituellen Begleitung schwerstkranker und sterbender Menschen, für das wir dank der Unterstützung durch die Deutsche Fernsehlotterie zwei halbe Stellen einrichten konnten.

 

Die spirituelle Begleitung konfessions-unabhängiger Menschen ist uns ein zentrales Anliegen, dessen aktuelle Bedeutung in den Redebeiträgen zur Projekteröffnung am 12. Oktober deutlich wurden.

 

So stellte es Frank Gunzelmann von ALPHA NRW (Ansprechstellen im Land NRW zur Palliativversorgung, Hospizarbeit und Angehörigenbegleitung) dar:

 

„[...] heute ist auch ein wichtiger Tag für die Hospiz- und Palliativversorgung in unserer Region, denn Ihr Projektes setzt ein klares Signal. Es sagt: Die professionelle spirituelle und konfessions-unabhängige Begleitung von schwerstkranken und sterbenden Menschen ist ein unabdingbarer Baustein der hospizlich-palliativen Versorgung. Die Sorge um die spirituellen Bedürfnisse am Lebensende wird seit den 1960er Jahren als eine Säule von Palliative Care verstanden. Grundlage für dieses Verständnisses ist das Total Pain Konzept, in dem die Begründerin der modernen Hospizbewegung, Cicely Saunders, Schmerz als ein mehrdimensionales Phänomen beschreibt. Neben der physischen Dimension steht für das Verständnis und die Behandlung von Schmerz gleichberechtigt die soziale, psychische und auch spirituelle Dimension.

Durch diesen revolutionären Gedanken ist Spiritual Care zu einem selbstverständlichen Baustein der Begleitung in schwerer Krankheit geworden.

 

Leider wird dieses Angebot bislang nicht über die Sozialversicherungen finanziert; es erfolgt in aller Regel durch Kirchen und Religionsgemeinschaften. Diese Situation ist besonders für Menschen prekär, die kein kirchliches seelsorgliches Angebot erhalten können oder dieses nicht wahrnehmen wollen, egal ob sie sich als konfessionslos, religiös enttäuscht oder indifferent verstehen. Und wir sprechen hier von einem stetig wachsenden Teil unsere Gesellschaft, wie die im letzten Jahr veröffentlichte „Freiburger Studie“ von Fabian Peters und David Gutmann zeigen konnte. Die Forscher kamen zu dem Ergebnis, dass die beiden christlichen Kirchen seit Beginn der 1970er Jahre kontinuierlich Mitglieder verlieren und der Anteil der Bevölkerung ohne kirchliche Bindung gleichzeitig steigt. Sie prognostizieren, dass sich die Zahl der Kirchenmitglieder bis 2060 halbieren wird, was vor allem mit einem stark geänderten Tauf- und Austrittsverhalten erklärt wird. Die demografischen Faktoren sind bei dieser Entwicklung nachrangig wirksam. Genau hier setzt der zweite wichtige Aspekt Ihres Projektes an: sie schaffen ein Angebot der spirituellen Begleitung am Lebensende, das nicht an eine Konfessionszughörigkeit gebunden ist.“

 

Im Grußwort teilte Christa Michels, Referentin für Palliativ- und Hospizarbeit und Trauerbegleitung, ihre ganz persönlichen Gedanken:

 

„Spiritual Care, Spirituelle Sorge, Seelsorge ist selbst- verstanden und selbstverständlich Teil der ganzheitlichen Lebenssorge, die Pflege und  Begleitung in allen Dimensionen des Menschseins meint, die uns Kopf, Herz/Seele, Hand und Fuß abverlangt, die auch dem Unsichtbaren im Leben Raum gibt und in einer offenen, wertschätzenden Begegnung mit dem sterbenden Menschen eine Suchhaltung ohne vorschnelle Antworten einnimmt…

Ich durfte lernen von Dr. Cicely Saunders und Dr. Elisabeth Kübler- Ross. Meine wirklichen und beeindruckendsten LehrerInnen waren und sind für mich die Menschen, die ich begleiten durfte. Sie alle waren und sind kompetenter, wissender und weiser als ich und wir alle…

In der Zeit meines Sterbens wünsche ich mir Menschen an meine Seite, die sich an meiner Person, an Christa Michels orientieren, die mich aushalten in meinem Gewordensein, die meine Lebenserfahrungen als persönliches Eigentum betrachten, Vertrauen in meine Ressourcen haben, die auch die Schattenseiten meines Lebens mit mir aushalten, Lebensüberschau, Rückschau, Abschied und Trauer mit mir teilen, die meine Gefühle willkommen heißen und nicht bewerten, meine Grenzen achten und sich der eigenen sehr bewusst sind...“

 

Die Haltung, die unsere konfessions-unabhängige Spiritualität prägt, beschrieb Birgit Boukes , Vorstand des Unergründlich e.V.:

 

„In seinem märchenhaften Roman „Der Zirkus der Stille“ (Hoffmann und Campe, Hamburg 2016) lässt Peter Goldammer die junge Frau Thaïs eine Erfahrung erzählen, die ihr ganzes Leben verändert: Thais ist als einzige Zugehörige konfrontiert mit dem Tod ihrer Großmutter, der „unvergleichlichen Madame Victoria“, einer ehemaligen Kunstreiterin im Zirkus. Das Verhältnis von Großmutter und Enkelin ist belastet, trotzdem ist es der Enkelin ein Anliegen, die Verstorbene noch einmal zu sehen und sie zu beerdigen.

Madame Vicorias Vermächtnis findet einen ganz besonderen Ausdruck, denn sie hat es an herausragender Stelle notiert:

„Sehen Sie hier, Mademoiselle, sagte Monsieur Luban und zog das steife Tuch weiter hinunter. Ich verstand nicht recht, was ich da sehen sollte. [...] „Sehen Sie es nicht?“ Er deutete mit der ausgebreiteten Hand auf [... die] Brust [der Toten]. Da sah ich es, blasse blaugrüne Linien, eine seltsam krakelige Schreibschrift – sie hatte einen Kugelschreiber benutzt. [...] Tatsächlich. Sie hatte sich selbst mit Kugelschreiber beschrieben.“

Mit Haut und Haaren hat sich die Sterbende auseinandergesetzt mit dem, was in diesem existentiellen Augenblick bedeutsam ist: Fragen im belastenden Umgang mit ihrer Enkelin, Fragen nach dem Sinn ihres Lebens. Ein Schmerz, der sie mit Haut und Haaren erfasst hatte – ganz und gar, nicht nur körperlich, sondern existentiell und spirituell - total pain. Ihre existentiellen Fragen, wie es nach ihrem Tod weitergeht, ihr Wunsch nach Versöhnung mit ihrer Enkelin -  all das ist Ausdruck ihrer eigenen Verbundenheit mit dem tiefen Wesentlichen, Ausdruck ihrer eigenen Spiritualität - jenseits von Antworten und Bekenntnissen.  [...]

 

Die Menschen bei Unergründlich ver-bindet eine Haltung, aber sie bindet sie nicht. Ein Bild für diese Haltung, diese Spiritualität ist die unvergleichliche Madame Victoria mit ihrem ganzen Leben.  Erzählen können wir von Spiritualität nur in Bildern, wir nähern uns dem an, was wir nie ganz fassen können, was jeder Mensch aus der eigenen Perspektive wahrnimmt.

Die Welt der Zirkusreiterin ist geprägt vom Unterwegs-Sein, vom Aufbruch und von Gemeinschaft. Sie lebt Zugehörigkeit, ohne gebunden zu sein, Heimatlosigkeit und vielfältige Begegnung zugleich.

Ernst nehmen können wir die Spiritualität jedes Menschen nur, wenn wir Freiheit lassen, ihn nicht an uns und unsere Vorstellungen binden, wenn wir Raum schaffen, in dem sich vielfältige spirituelle Lebensentwürfe zugehörig fühlen und einander begegnen können.

 

Bei ihren Kunststücken auf dem Pferd muss Madame Victoria auf eigenen Füßen stehen, sie selbst hält die Zügel in der Hand. Und doch gibt es keine absolute Sicherheit, es geht nur mit Vertrauen. Sie muss sich tragen lassen. Das fühlt sich oft sehr wackelig an – und es misslingt, wenn sie starr bleibt, in ihrer Position verharrt und nicht die Bewegungen mitvollzieht, die geschehen.

Authentisch leben können wir Spiritualität nur, wenn wir jeden Menschen zur Selbstbestimmtheit ermutigen, wenn wir keine Sicherheit versprechen, sondern Vertrauen stärken und in dem mitgehen, was geschieht. Wie es dann gelingt, das Getragen-Werden ohne Antworten, bleibt letztlich immer auch ein Stück unergründlich...

 

Wir wünschen allen in diesem besonderen Advent Türen zur ganz eigenen Spiritualität – jenseits von Antworten und Bekenntnissen.

 

Christoph Schmidt und Norbert Reicherts